Was bedeutet das, wieder Kind zu sein?

Ich glaube, da gibt es verschiedene Empfindungen und Meinungen dazu. Da gibt es Reaktionen, wie: „Ja, super…, aber wie soll das denn gehen!? Das passt nicht mit der Realität des Alltags zusammen!“ oder „Ich kann mich gar nicht erinnern, wie es war Kind zu sein…“ oder „Bloß nicht! Ich bin froh, dass die Zeit vorbei ist!“ Ein anderer meint vielleicht, es hätte etwas mit „kindisch sein“ zu tun. Und wer will schon kindisch sein!?

Das Leben liefert mir prompt ein lebendiges Beispiel

Ich sitze im Zug, während ich diesen Blog zu schreiben beginne. Ein Ehepaar steigt zu, sie sind sehr nett und offen, es kommt schnell zur Sprache, dass ich mit dem Inneren Kind arbeite. Der Mann fragt, was das Innere Kind eigentlich ist (die Frau scheint das Thema zu kennen und beschreibt einige Aspekte sehr treffend).

Ich erkläre, worum es in meiner Arbeit mit dem Inneren Kind geht. Mein Sitznachbar sagt – als würde er meine vorhin geschriebenen Worte wiederholen: „Aber das ist nicht so einfach! Wenn ich meine Verpflichtungen habe, eine Familie, die ich versorgen muss und die ganzen Anforderungen des Lebens, die Entscheidungen die ich treffen muss – dann kann ich doch nicht einfach Kind sein!“

Es mag sein, dass du dich nicht mehr daran erinnerst, was dich als Kind ausgemacht hat.

Sicher hast du heute als Erwachsener viele Verpflichtungen und verantwortungsvolle Aufgaben und das Leben ist alles andere als ein Ponyhof. Vielleicht gehörst du auch zu denen, die die Zeit der Kindheit am liebsten aus ihrem Leben streichen würden oder bist froh, dass du dich an nichts erinnerst. Das ist alles in Ordnung. Vielleicht bist du auch jemand, der sein Inneres Kind bereits erweckt hat und fragst dich dennoch immer wieder, wie du es in dein Leben mehr integrieren, von ihm noch mehr profitieren kannst oder es noch mehr heilen kannst… Auch das ist in Ordnung.

Was hat man also davon, wieder Kind zu sein?

Das Leben an sich ist „neutral“. Es ist, wie DU es siehst, wie DU es erlebst. Was dem Einen sein Glück ist, ist dem Anderen sein Unglück. Der Unterschied zwischen Kindsein und Erwachsensein ist, dass ein Kind innerlich frei ist – zumindest bis zu einem gewissen Alter. Es projiziert also nichts auf die Welt. Ein Kind ist innerlich rein. Es kennt kein Argwohn, kein Misstrauen, erwartet immer das Gute. Ein Kind hat Urvertrauen. Es hat keine Angst von dem Morgen (obwohl es sich nicht selbst versorgen kann!), keine Angst zu scheitern, keine Angst vor dem Leben. Ein Kind hat ein gesundes Selbstvertrauen, gepaart mit einer guten Intuition. Es ist immer wieder bereit Neues zu probieren, Fehler zu machen, zu lernen, ohne sich dabei selbst in Frage zu stellen oder sich selbst für seine Fehler zu verurteilen. Sein Herz ist voller Liebe, immer offen, jederzeit bereit zu vergeben und neu anzufangen. Ein Kind ist voller Fröhlichkeit, Leichtigkeit. Ein Kind ist ein Stück vom Paradies. Erweckst du das Kind in dir, öffnest du die Pforten zum Paradies.

Es ist oft schwer zu verstehen, zu glauben und zu akzeptieren, aber dein Leben ist so, wie du dich fühlst.

Die Welt ist so, wie du sie siehst. Denn es gibt tatsächlich nur „deine Welt“. Sie ist deine persönliche Antwort auf die Gegebenheiten und Ereignisse da draußen. Du leidest nicht unter dem Leben, du leidest unter deiner Antwort auf es. Du leidest an deinen Gefühlen, die das Leben in dir hervorruft.

Stell dir ein Leben vor,

in dem du jeden Tag mit offenem Herzen aufstehst, dich auf den Tag freust, fröhlich zu deinem Kleiderschrank gehst und deine Lieblingssachen anziehst. Die Pflichten und Aufgaben des Tages sind dir bewusst, aber du weißt, dass du gut bist und alles schaffen kannst. Du vertraust und weißt, dass das Leben es gut mit dir und deinen Lieben meint und dir und ihnen immer Menschen und Situationen begegnen werden, die weiterhelfen, wenn es nötig ist.
Du hast einen vollen Tag, einen Termin nach dem anderen, aber ein kurzer Blick aus dem Fenster, zwei Minuten nur, holt dich wieder in die wirkliche Realität des Lebens zurück… Weil du siehst, weil du da bist, in dem Augenblick. Die vorbeiziehende Wolke, eine Fliege, die sich auf deinen Schreibtisch setzt, das Bellen eines Hundes… Du erkennst die „Ausgänge“ aus deinem Hamsterrad, nutzt die kleinen Oasen. Für einen Augenblick kann der Stress von dir abfallen und dein System kann neu starten.
Jemand kränkt dich, du zuckst zusammen, doch im nächsten Augenblick spürst du „ach was, ist doch echt nicht schlimm“ und reichst ihm friedvoll die Hand, weil deine Liebe und dein Vertrauen sich einfach nicht so leicht erschüttern lassen.

So was gibt es nicht, glaubst du?

So kann man nicht leben, sagst du? So kommst du zu nichts im Leben, befürchtest du? So wirst du nur ausgenutzt und untergebuttert, meist du?
Nichts davon ist war. Wenn das passiert, dann sicher NICHT, weil du „zu lebensbejahend und positiv“ warst. Sondern weil es in dir noch Sachen gibt, die gesehen und geheilt werden wollen. Vielleicht alte Verletzungen und Empfindlichkeiten. Vielleicht überholte Überzeugungen oder von anderen übernommene Glaubensmuster. Ich pflege öfter zu sagen: „In einem Raum, in dem nichts steht, kann man nichts umstoßen“. Das ist es, worauf es ankommt: Den eigenen Raum zu leeren!

Räume deinen inneren Raum auf!

Befreie ihn von all dem Zeug, was darin herumsteht und deine innere Realität verstellt. Lüfte ihn von den übernommenen Ansichten und Wahrheiten. Und dann flute ihn mit Sonne, mit Licht und Liebe. Schmücke ihn mit den Blüten deines Herzens, den Diamanten deiner Seele. Und dann fange an, all das freudig nach Außen zu tragen, verströme es, umgebe dich selbst damit.

Dann wirst du diesen Zustand in dir spüren und mit dir mittragen, wo auch immer du hingehst. Nicht jedem wird es gefallen. In manchen wird es die Angst davor berühren, zu kindisch, zu unbekümmert zu sein. Aber tue es trotzdem. Du tust es nicht für andere. Du tust es für dich. Aber du hilfst auch den anderen damit. Wenn sie wollen.

DAS bedeutet für mich wieder Kind sein. Denn „wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so kommt ihr nicht ins Himmelsreich“. Eine alte Weisheit, die ihre Gültigkeit wohl nie verlieren wird.

In Liebe,