Mein Inneres Kind ist wirklich witzig. Neulich sitze ich in meiner Meditation, da taucht es plötzlich und unerwartet auf, ganz nah vor mir, schaut mir in die Augen und sagt: „Komm mit, ich will dir etwas zeigen“. Ich denke sofort: „Oh, da könnte jetzt die nächste Geschichte für meine Blog-Leser winken“ und im gleichen Moment schießt mir durch den Kopf: „Ja, aber es ist doch erst Anfang des Monats, mein letzter Blog ist gerade veröffentlicht. Eine neue Geschichte brauche ich erst am Ende des Monats, für den März-Blog.“ Mir schoss das zwar alles in Sekundenschnelle durch den Kopf, gesagt habe ich jedoch nur: „Warte, es ist noch zu früh!“. Mein Inneres Kind braucht keine Worte, keine großen Erklärungen. Es versteht sogar schneller als ich überhaupt denken kann (und ich kann schnell denken!). Sein Gesicht veränderte sich. Es nahm wieder diesen bestimmten Ausdruck an, den ich schon kenne: Hochgezogene Augenbrauen, leicht verdrehte Augen, ein nicht sichtbares, liebevolles inneres Kopfschütteln.

„Ihr seid schon interessant, ihr Erwachsenen“,

sagte es. „Ihr wollt immer alles in die von euch erschaffenen Strukturen stecken. Wie z. B. die Zeit, mit der ihr alles ordnen wollt. Ja, die Zeit ist wichtig und hat ihre Berechtigung hier auf der Erde. Aber manchmal ist sie in eurem Leben fehl am Platze. Ihr platziert sie an die falsche Stelle, weil ihr versucht mit ihr den Lauf der Dinge zu beeinflussen.
Das Leben lässt sich nicht nach der eigenen Zeit ordnen. Das Leben hat schon seine Ordnung, es hat seinen eigenen Fluss, eine eigene Gesetzmäßigkeit der Zeit. Das was jetzt ist, das ist jetzt, weil es jetzt ist.“

„Ja, ist ja gut, aber ich vergesse doch bis Ende des Monats, was du mir jetzt sagst“, versuchte ich zu kontern. Doch, mein Inneres Kind ließ sich nicht beeindrucken. Es sprach einfach weiter: „Es gibt einen natürlichen Lebensfluss. Der beinhaltet alles, was man braucht. Und die Sachen tauchen aus diesem Lebensfluss auf, wenn sie gebraucht werden. Wenn man diesem Fluss vertraut, muss man sich nichts merken, nichts sichern. Wozu? Es ist da, wenn man´s braucht. Und wenn es nicht da ist, dann ist es nicht für den Zeitpunkt bestimmt, an dem man danach sucht. Man will es vielleicht haben, doch es ist nicht da. Dafür ist aber etwas anderes da. Der Fluss des Lebens lässt einen nie leer ausgehen. Aber man kann nur dann sehen und erkennen wenn der Blick nicht fixiert ist. Wenn du nur auf einen Punkt schaust, siehst du nichts anderes mehr drumherum. An sich ist das einfach. Ihr macht es aber oft kompliziert, mit eurem Plan, mit eurer konstruierten Ordnung.“

Ok, dachte ich und wurde innerlich still. Hier geht es also wieder um eine der „Lebensweisheiten“. Das faszinierende ist, wenn mein Inneres Kind so mit mir spricht, kommt es nie wie Kritik rüber. Vielmehr fühlt es sich an, wie ein Strom von unendlich viel Liebe, in dem mich die Worte erreichen.

„Gut, was wolltest du mir zeigen?“

fragte ich etwas offener und erkannte dabei, dass wir uns in einem Garten befanden. Mein Inneres Kind nahm mich mit zu einem Gebüsch. Es schaute ‚ganz wichtig‘ in das grüne Laub – ich konnte an der Stelle gar nichts erkennen – dann hielt es für einen Moment inne und fragte mich: „Warum verlässt der Schmetterling seinen Kokon?“

Noch bevor ich irgendeinen Schmetterling oder Kokon hätte sehen können, oder hätte etwas sagen können, drehte sich mein Inneres Kind um und ging einfach davon. „Denk mal drüber nach“ – ließ es mir noch wortlos im Raum zurück, während es sich mit entschlossenen Schritten entfernte. Ich schaute ihm hinterher, wie es mit seinen kurzen Beinen majestätisch durch den Garten lief. Ich war etwas sprachlos. Der nächste Gedanke, den ich fassen konnte war: „Was denn, gibt mir mein Inneres Kind jetzt Koan-Aufgaben* auf?!“. Im gleichen Moment drehte es sich um (es weiß wirklich alles was ich denke) und lachte laut auf. Ein fröhliches, helles Lachen, das wie eine bunte Licht-Welle durch den Garten und durch alle Universen ging.

*Ein Koan ist eine Frage die ein Zen-Meister seinem Schüler stellt und die eine tiefe Weisheit enthüllt. Sie kann nicht durch Denken beantwortet, sondern nur durch ein „Eintauchen“ erfahren werden.

Lachen Engel so? Lachen Götter so?

Ich wusste es nicht. Ein Lachen voller Liebe, voller Leichtigkeit, voller Freude. Wie nicht von dieser Welt und doch voller Leben. Ich höre dieses Lachen jetzt noch und seitdem immer wieder und ich habe das Gefühl, es verbindet mich direkt mit meiner Heimat, mit dem Licht meines Himmels.

Ich war nun alleine im Garten, mein Inneres Kind war weg. Ich stand einfach da, guckte in das grüne Laub und dachte: „Ich weiß nicht, warum der Schmetterling aus seinem Kokon kommt. Aber ich weiß, dass ich dieses Kind unendlich liebe“. Mein Herz war von einer Liebe geflutet, die niemals mit Worten zu beschreiben wäre.

Ich spürte, dass es nicht an der Zeit war, die Frage mit dem Schmetterling zu beantworten. Und auch jetzt ist das Gefühl noch da, dass es noch nicht soweit ist. Ich weiß nicht warum. Ich weiß nur, dass es so ist. Vielleicht ist es im Fluss des Lebens noch nicht dran. Ich werde warten, bis sie wieder auftaucht. So wie mein Inneres Kind es mir erklärt hat.

Du denkst vielleicht, es ist eine einfache Frage (denken tue ich das auch), aber ich kenne mein Inneres Kind. Ich weiß, dass es nicht das von mir hören will, was ich in meinem Kopf weiß. Es möchte mich zu einem anderen Wissen führen. Seine Frage ist ein Schlüssel zu der Tür hinter der sich eine Weisheit, eine Lektion fürs Leben verbirgt.

Es war war nun an der Zeit, den Garten zu verlassen

und ich machte mich auch auf den Weg. Lächelnd, bis zum Rand meines Seins mit Glück erfüllt, schloss ich das Törchen leise hinter mir.

Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte weiter geht. Werde ich mein Inneres Kind wieder in dem geheimen Garten treffen? Werde ich dem Schmetterling begegnen? Oder wird etwas ganz anderes passieren? Mein Inneres Kind ist immer für eine Überraschung gut. Und es vergisst nichts… Ich werde dir auf jeden Fall berichten, vielleicht schon im nächsten Blog.

In Liebe,